VerSUCHungEN
Kurzfilm-Trilogie von und mit ehemals Inhaftierten der Justizanstalt Wien-Favoriten
und KlientInnen der Drogentherapiestation Schweizer Haus Hadersdorf
für das Theater an der Wien
zur Oper: The Rakes Progress von I.Stravinsky
ein Projekt von Verein Impulsein
Künstlerische Gesamtleitung: Beate Göbel
im Rahmen von: Wir_Hier, Kunst unter Strafe
www.wirhier.at
VerSUCHungEN untersuchte Momente persönlicher Grenzüberschreitungen im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen. Ausgangspunkt der Arbeit war die These, dass Menschen sich bei selbst bestimmten Aktivitäten am Wohlsten fühlen. Selbst(er)leben ist ein unverzichtbarer Baustein für die eigene persönliche Entwicklung, für ein gesundes und verankertes Selbstbewusstsein, für den befreiten und selbst bestimmten Umgang mit Versuchungen. Doch was bedeutet für junge inhaftierte Menschen Selbstbestimmung? Wollen sie das überhaupt? Wer oder was hindert, blockiert, verbietet, regelt Selbstbestimmung? Sind innere oder äußere Faktoren Triebfeder für Handlungen, Versuchungen? Wie reflektieren sie innerhalb einer mehrjährigen Inhaftierung ihre Straftat? Wie entwickelt sich ihre Beziehung zu Familie und Freunden, die weiterhin in Freiheit leben? Die Fragestellungen wurden im Bezug zur Oper The Rake`s Progress von I.Stravinsky beleuchtet.
VerSUCHungEN richtete sich dabei sowohl an junge ehemals in Justizanstalt Wien-Favoriten Inhaftierte und an KlientInnen der Drogentherapiestation Schweizer Haus Hadersdorf. Beide Einrichtungen haben einen Behandlungsauftrag für StraftäterInnen, die im Zusammenhang mit berauschenden Substanzen ein Delikt begangen haben und vom Gericht eingewiesen wurden. Viele InsassInnen und KlientInnen waren mehrjährig drogenabhängig und bekommen in beiden Anstalten die Möglichkeit zum Drogenentzug mit therapeutischer Betreuung. Die Anstaltleitung der Justizanstalt Favoriten, Hofrat Dr. Werdenich, lädt den Verein Impulsein schon seit 4 Jahren zur künstlerischen Theaterarbeit regelmäßig ein.
Mittels Biografischer Theater-/Arbeit und Methoden aus dem Theater der Achtsamkeit wurde die reiche Erfahrungslandschaft im persönlichen Umgang mit Versuchungen in Form konkretisierter, filmischer Interventionen im Bezug zur Oper The Rake Progress untersucht.
Die inhaftierten Frauen und Männer nutzten die Gelegenheit sich mitzuteilen und aus sich herauszutreten. Mit großem innerem Engagement bauten sie über die geschaffenen Filme eine Brücke zur Öffentlichkeit außerhalb der Gefängnismauern, ergriffen die Gelegenheit gesellschaftliche Themen aktiv zu äußern und arbeiteten konzentriert an den Umsetzungen. Dabei wurden sowohl individuell verinnerlichte Klischeebilder als auch gesellschaftlich etablierte Rollenbilder ins Bewusstsein gebracht, sichtbar gemacht und diskutiert. Das bewusste Erleben und Erfassen dieser Zuschreibungen eröffnete spielerische Handlungsfelder, erweiterte den eigenen Handlungsspielraum und befähigte alle sich kreativ zu äußern.
Das Zusammenspiel des persönlichen Engagements aller Beteiligten und die großzügige Unterstützung der Anstaltsleitungen in Wien Favoriten und Schweizer Haus Hadersdorf ermöglichten eine direkte Kommunikation mit der Welt außerhalb der Gefängnismauern. Entwicklungsräume der Institution Justizanstalt wurden sichtbar und zeigen auf, dass moderner Strafvollzug lebendig ist.
Es entstanden drei Kurzfilme, die einerseits in das Musikvermittlungsprojekt Jugend an der Wien des Theaters an der Wien integriert wurden und somit einen wesentlichen Diskussionsbeitrag leisteten. Zudem erklärte sich ein Inhaftierter der Justizanstalt Favoriten bereit seinen persönlichen Freigang für Diskussionsrunden zur Verfügung zu stellen, um direkt mit den Jugendlichen zu diskutieren.
Außerdem wurden die filmischen Ergebnisse im November 2008 in die Oper zum Anfassen, gestaltet von und für Jugendliche, in der Regie von Dietmar Flossdorf integriert (Aufführungsort: Theater an der Wien, 14.11.2008). Diese Vorstellung konnten die Inhaftierten im Rahmen eines Sonderausgangs besuchen.
Nach Vorgesprächen im Theater an der Wien im Februar 2008 konnte im Juni 2008 mit der Umsetzung begonnen werden. Für die ersten beiden Filme nahm das Team vom Verein Impulsein Kontakt zu zwei ehemals Inhaftierten der Justizanstalt Favoriten auf. Beide, Chaoskanzler und Fresh (Künstlernamen), hatten bereits an einem künstlerischen Projekt im Rahmen von Wir_Hier, Kunst unter Strafe teilgenommen.
In der Auseinandersetzung mit Chaoskanzler zeigte sich, das sein Song, den er 2007 im Rahmen von Rappers in Prison getextet, gesungen und aufgenommen hatte, thematisch zur Oper führt und somit Grundlage für den ersten Film wurde. Fresh wurde von einem Kamerateam in seiner gewohnten Umgebung begleitet. Ein Portrait zu einer Arie der Oper entstand. Beide Filme konnten im August 2008 geschnitten werden. Während dieser Zeit fand die Arbeit am dritten Film statt. Während mehrerer Workshops wurde im Schweizer Haus Hadersdorf mit 10 KlientInnen gearbeitet. Eine musikalische und inhaltliche Einführung in die Oper The Rake Progress stand am Beginn des Prozesses und bereitete eine Struktur, in der die persönliche Auseinandersetzung zum Thema hineinfloss. Intensive Gespräche zur eigenen Biografie führten schließlich zum dritten Film, in dem die KlientInnen
zentrale Statements zusammenfassten, mit denen sie zu Reflexion und Dialog einladen möchten.
Die Projektarbeit im Schweizer Haus wurde bis Mitte September geführt. Nach der Fertigstellung Mitte Oktober 2008 gingen aller drei Filme in das Vermittlungsprojekt: Jugend an der Wien und wurden in die Aufführung Oper zum Anfassen des Theaters an der Wien integriert.
Filme online unter: http://www.wirhier.at/wir_hier_video.htm